Thomas

Gedenktag katholisch: 3. JuliThomas

Thomas war bis zu seiner Berufung als Jünger Fischer. Das Johannesevangelium beschreibt die Hingabe, die Thomas für Jesus empfand: als der nach Judäa zurückkehren wollte, wo Juden ihn hatten steinigen wollen, schloss sich ihm Thomas mit den Worten an: Lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben. (11, 5 - 16). Thomas wird in den Apostellisten aller vier Evangelien und der Apostelgeschichte erwähnt; außer bei Johannes kommt er aber nur in der Aufzählung der Jünger und dabei in der mittleren Jüngergruppe vor; im Johannesevangelium - dort drei Mal mit dem Beinamen Didymus, der griechischen Übersetzung für den hebräisch-aramäischen Namen Thomas - nimmt er mit sieben Nennungen - so auch im Bericht über das Abendmahl (Johannesevangelium 14, 1 - 7) - eine wichtigere Rolle ein. In Johannesevangelium 21, 2 wird Thomas sogar an zweiter Stelle in der Jüngerliste direkt nach Petrus genannt.

Rembrandt Harmensz van Rijn: Christus zeigt Thomas seine Seitenwunde, 1634, im Puschkin-Museum in Moskau
Berühmt wurde Thomas durch seine Zweifel an der Auferstehung Jesu und sein Verlangen, handgreiflich die Auferstehung zu überprüfen: erst nachdem Jesus ihn aufforderte, seine Wundmale zu berühren, glaubte er das Unfassbare und bekannte: Mein Herr und mein Gott! Damit erkannte er als erster der Jünger die göttliche Natur Christi (Johannesevangelium 20, 24 - 29). Wohl gerade als Zweifelnden haben Volksfrömmigkeit und Legende ihn so nahe an Jesus herangerückt, dass er sogar als dessen Zwillingsbruder angesehen wird - Jesus in Aussehen und Schicksal ähnlich - so erstmals in den Thomas-Akten vom Anfang des 3. Jahrhunderts.

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Der von Helena als Reliquie mitgebrachte Zeigefinger, mit dem Thomas Jesus berührte, in der Kirche Santa Croce in Gerusalemme in Rom
Buchmalerei aus der Devotionale Abbatis Ulrici Rösch: Christus erscheint dem Thomas, um 1472 (?), in der Stiftsbibliothek in St. Gallen
Diese syrischen Thomas-Akten erzählen dann auch, dass Christus Thomas erschien und ihn aufforderte, Abbanes, dem Boten des Königs Sases - der von 21 bis 47 regierte, den Titel Gondophares IV. angenommen hatte und oft auch Gundisar oder Gundaphorus genannt wird - nach Indien zu folgen, da der König den besten Baumeister suche, um sich einen Palast nach römischer Bauweise errichten zu lassen. Thomas wurde dann veranlasst, an der Hochzeit der Königstochter Pelagia teilzunehmen; eine hebräische Musikantin wiederholte für Thomas einen Hymnus in dessen Muttersprache, worauf der Mundschenk ihn ohrfeigte. Thomas prophezeite die eintretende Strafe: Löwen zerrissen den Mundschenk am Brunnen, ein Hund brachte die Hand, die den Glaubensboten geschlagen hatte, das Brautpaar aber wurde von Thomas gesegnet und bekehrte sich zum Christentum.

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Der zweifelnde Thomas, 15. Jahrhundert, im Museum der Kathedrale in Ávila
Relief: der zweifelnde Thomas und die Jüngerschar, 11. Jahrhundert, im Kreuzgang des Klosters in Santo Domingo de Silos
Für Gundisar zeichnete Thomas diesem einen Palast und erhielt große Schätze zum Bau, verteilte diese aber während der Abwesenheit des Königs an die Armen, predigte und bekehrte Unzählige. Dem zurückgekehrten empörten König, der Thomas in den Kerker warf, erschien sein vor kurzem verstorbener Bruder; der erklärte ihm, Thomas habe für ihn im Jenseits den prächtigsten Palast errichtet, worauf auch Gundisar sich bekehrte und Thomas in fernere indische Gebiete ziehen ließ. Vornehme Frauen eines Herrscherhauses wurden von Thomas bekehrt, der König Misdai aber ließ ihn gefangen setzen, vielfältig martern und wollte ihn zum Opfer vor dem Sonnengott zwingen. Thomas sprach den im Standbild verborgenen Teufel an, das Bronzewerk zerschmolz wie Wachs, der außer sich geratene Oberpriester durchbohrte Thomas mit seinem Schwert, doch der König ließ ihn ehrenvoll begraben.

Pierre Legros: Statue, 1705 - 1711, in der Basilika San Giovanni in Laterano in Rom
Nach anderen Legenden durchzog Thomas noch weitere Länder, bis er in Madras - dem heutigen Chennai in Indien - von feindlich Gesinnten mit Lanzen durchstochen wurde. Auf Johannes Chrysostomus soll die Erzählung zurückgehen, dass Thomas auf seinen Reisen die Heiligen Drei Könige getroffen, getauft und zu Bischöfen ernannt habe. Als Ort seines Martyriums geben viele Legenden Kalamina - wohl Mailapur, der heutigeStadtteil Mayilapuram in Madras / Chennai. Sieben christliche Kirchen in Indien führen heute ihre Wurzeln auf Thomas zurück und gehören deshalb zu den Thomaschristen.

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Noch Mitte des 2. Jahrhunderts rechnete der Gnostiker Heraclion Thomas zu den Aposteln, die kein Martyrium erlitten. Nach Origenes wirkte Thomas als Glaubensbote bei den Parthern in Mesopotamien im heutigen Irak; in Edessa - dem heutigen Sanlιurfa in der Türkei -, ist die Verehrung seit dem 4. Jahrhundert nachgewiesen. Ephraem der Syrer berichtete ebenso wie die syrischen Thomas-Akten über die Missionstätigkeit in Indien und die Rückführung der Gebeine durch einen Kaufmann in einem Schatzkästlein. Die Legende über König Gundisar sowie seine Tochter Pelagia hielt schon Augustinus von Hippo für wertlos.

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einer der Gagini-Brüder (?): Relief, um 1547, in der Kathedrale in Gerace
In Nag Hammadi in Ägypten wurde 1945 unter den sensationellen Funden zahlreicher alter Handschriften auch ein vollständiges Exemplar des Thomas-Evangeliums entdeckt: eine Sammlung von Jesusworten ohne Erzählungen oder Passionsgeschichte, möglicherweise schon sehr früh (um 70?) entstanden und laut Vorwort von Thomas verfasst.

Grab des Thomas in Mailapur - heute der Stadtteil Mayilapuram in Madras / Chennai in Indien mit persischem Kreuz, 8. Jahrhundert
Bei Mailapur gibt es den Großen Thomasberg; 1547 wurde auf ihm eine Kirche zu Ehren von Thomas errichtet. Dort verwahrt wird das Thomaskreuz aus dem 7. Jahrhundert, dessen Inschrift von seinem Martyrium erzählt. 2004 hat der Vatikan den Berg bei Mailapur als ersten internationalen Wallfahrtsort Indiens anerkannt. Der größte Teil der Thomas-Reliquien wurde angeblich an einem 3. Juli - daher der Gedenktag - im 3. Jahrhundert nach Edessa - dem heutigen Sanlιurfa in der Türkei - übertragen, weshalb in Indien keine Gebeine, sondern nur Staub zu finden sei. Schon früh gab es Reliquien in Mailand in der Basilika der Apostel, das Martyrologium des Hieronymus beschreibt sie. Im Johannes-Kloster auf Patmos wird der durch den byzantinischen Kaiser Alexios I. Komnenos - er regierte von 1081 bis 1118 - verzierte Schädel aufbewahrt. 1218 kamen Reliquien auf die griechische Insel Chios, 1258 von dort nach Ortona in den Abruzzen.

Antonello Gagini: Marmorstatue, 1516, im Dom in Marsala auf Sizilien
Im Dom von Prato in der Toskana wird in einer für diesen Zweck gebauten Kapelle der Gürtel der Maria gezeigt: das Christkind selbst habe seiner Mutter den Gürtel gelöst und ihn Thomas überreicht; jahrhundertelang in der Familie aufbewahrt, habe ihn Michele dei Dagomari aus Prato als Teilnehmer eines Kreuzzuges nach Italien mitgebracht, nachdem er in Israel eine Tochter jener Familie geheiratet hatte. 1365 wurde der Gürtel in feierlicher Prozession in die Kathedrale nach Prato gebracht.

Thomas' Gedenktag lag auch in der katholischen Kirche bis 1969 auf dem 21. Dezember, dem Datum der längsten Nacht des Jahres. Dieser Tag wurde Thomas gewidmet, weil er am längsten von allen Aposteln an der Auferstehung Christi gezweifelt hatte und also am längsten in der Nacht des Unglaubens verharrte. Der Tag war mit vielen Orakelbräuchen versehen, besonders in Liebes- und Ehefragen. In der Nacht konnten nach alter Überlieferung die Tiere sprechen und man kann in die Zukunft schauen. Ganz wichtig war es, in der Thomasnacht den Stall zu verriegeln, denn wer in dieser Nacht das Vieh sprechen hörte, dem war der Tod im kommenden Jahr gewiss. Legte man sich in der Thomasnacht verkehrt herum ins Bett, so träumte man, was im nächsten Jahr alles geschehen würde; junge Mädchen konnten in dieser Nacht ihren Zukünftigen sehen. Vor dem Thomastag musste alles, was verliehen worden war, wieder im Haus sein, Geliehenes sollte man vorher zurückbringen. Nur Menschen, die einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben, behielten Leihgaben über den Jahreswechsel. Bis zum Thomastag mussten auch alle Werkzeuge aufgeräumt sein, vor allem durften keine Gerätschaften zum Backen vor dem Ofen liegenbleiben. Zudem befürchtete man Dämonen, darunter an manchen Orten Thomas' Unglück bringender Gegenspieler, das blutige Thomerl, das besonders den Kindern Angst und Schrecken einjagte. Blutverschmiert und mit einem mächtigen Hammer ausgestattet, bedrohte der grausige Metzgergeselle alle, die nach Einbruch der Dunkelheit noch auf der Straße unterwegs waren, und hatte es besonders auf geizige und neidische Menschen abgesehen. In Bayern wurde früher auf jedem Bauernhof ein Schwein für Weihnachten gemästet. Am Thomastag wurde dieses als Mettensau oder Weihnachter bezeichnete Schwein geschlachtet, für die Mettensuppe mit Blut- und Leberwürsten versammelte sich die ganze Familie und das Gesinde.

Andrea del Verrocchio: Der zweifelnde Thomas mit Christus, Bronzestatue, 1476 - 83, an der Kirche Or San Michele in Florenz
Attribute: dem Auferstanden an die Wundmale fassend; Bart, Schwert, Lanze, Winkelmaß
Patron von Ostindien, Portugal, Goa - heute Velha Goa -, Urbino, Parma, Riga, der Insel Saint Thomas und des Kirchenstaates; der Architekten, Geometer, Maurer, Zimmerleute, aller Bauarbeiter, der Steinhauer, Feldmesser und - wegen seiner Zweifel - der Theologen; bei Rückenschmerzen und Augenleiden; für gute Heirat
Bauernregeln (für 21. Dezember): Wenn's St. Thomas dunkel war (also kein Mond schien) / gibt's ein schönes neues Jahr.
St. Thomas bringt die längste Nacht, / weil er den kürzesten Tag gebracht. Friert es am kürzesten Tag, / ist's immer eine Plag.

Der heilige Thomas, Apostel und Martyrer
von Kalamina, + 1. Jhd. - Fest: 3. Juli

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Was weiß man denn eigentlich vom heiligen Thomas?

Das landläufige Wissen um diesen Apostel ist leider sehr beschränkt. Man weiß, dass Thomas, ein Fischer vom See Genezareth, Zwilling genannt wurde und der Zweifler an der Auferstehung Jesu war, und schließlich weiß man auch noch, dass derjenige, der am Thomastag, dem kürzesten Tag, zu spät in die Schule kommt, für das nächste Jahr den Namen „der faule Thomas“ führt, was an sich keine Ehre ist. Das ist alles, was man von Thomas weiß, und das ist sehr wenig. Nur davon weiß man nichts, dass dieser Apostel zu den anziehendsten Heiligen gehört, die man sich denken kann und der uns gerade jetzt zu Weihnachten etwas Schönes zu sagen hat.

Nur an drei Stelle wird uns im Evangelium vom heiligen Thomas kurz berichtet, aber nach dem, was da gesagt wird, muss er ein Mann gewesen sein, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte, ein wenig bedächtig zwar und vorsichtig, aber von einer unbedingten Treue und von einer männlich schönen Liebe zum Heiland.

Kurz vor dem bitteren Leiden, so berichtet das Evangelium, als es bereits brenzlich um ihn stand, hielt sich Jesus mit den Zwölfen verborgen, weil seine Stunde noch nicht gekommen war. Damals wurde er an das Kranken- und Sterbebett seines Freundes Lazarus nach Bethanien gerufen, und als er sich auf den Weg machen wollte, versuchten ihn die Apostel zurückzuhalten, indem sie ihm sagten, das dürfe er nicht tun, es sei viel zu gefährlich, man würde ihn umbringen und so weiter. Mitten in diesen aufgeregten Redeschwall platzte auf einmal der stille Thomas hinein und sagte fest und kernig: „Ihr Angsthasen und Feiglinge! Wenn der Heiland geht, gehen wir alle mit ihm, und wenn er stirbt, sterben wir mit ihm.“

Thomas, das hast du fein gemacht!

Als dann der Heiland einige Zeit später beim letzten Abendmahl Abschied von den Aposteln nahm und dabei geheimnisvoll von seinem Heimgang in das Haus des Vaters sprach, wo er ihnen eine Wohnung bereiten wolle, fiel ihm Thomas, der den Sinn der Worte nicht begriff, in die Rede und sagte in seiner biederen Art treuherzig zum Herrn: „Zeig uns nur den Weg! Wohin du gehst, gehen wir mit dir.“ So war Thomas, ein rechter Mann, unbedingt zuverlässig und von einer männlich schönen Liebe zum Heiland.

Als schließlich der auferstandene Heiland am Osterabend den Aposteln im Abendmahlssaal erschien, war Thomas nicht unter ihnen. Nachher berichteten ihm die übrigen das Ereignis in höchster Erregung mit Worten, die sich überstürzten und überschlugen. Doch dem bedächtigen Thomas kamen die Reden verdächtig vor, und frank und frei, wie es seine Art war, erklärte er: „Dass der liebe Heiland die Macht hat, von den Toten aufzuerstehen, ist mir klar, aber was ihr da sagt, ist so verworren, dass ich es nicht annehme, bevor ich selbst ihn nicht sehen und berühren kann.“ So spricht ein Mann, und der liebe Heiland hat dem ruhigen und vernünftigen Thomas die Rede nicht übelgenommen, denn wenige Tage später erschien er erneut den Aposteln, und Thomas, der diesmal zugegen war, durfte, wie er es sich gewünscht hatte, die Hand auf das Herz des lieben Heilandes legen, und da ist er in die Knie gesunken und hat vor lauter Glück und Freude nur die Worte sprechen können: „Mein Herr und mein Gott!“ Wie froh war er doch, dass alles so war, wie die anderen es ihm erzählt hatten!

So war Thomas, ein wenig bedächtig und vorsichtig, aber von einer unbedingten Treue und von einer männlich schönen Liebe zum Heiland, und so wissen wir nun, in welchen Gesinnungen wir uns in fünf Tagen bei der Krippe einfinden müssen, nämlich unbedingt zuverlässig in der Treue zum Heiland und in männlich schöner Liebe. 

 

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Andrea del Verrocchio: Der zweifelnde Thomas mit Christus, Bronzestatue,
1476 - 83, an der Kirche Or San Michele in Florenz